Die Cronopien
Kollektiv für Interkulturelle Neue Musik
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Zikkus

CD mit Werken des Komponisten Daniel Osorio (2021)





 *Gefördert durch die Initiative Musik gemeinnützige Projektgesellschaft mbH im Rahmen von Neustart Kultur mit Projektmitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien


Daniel Osorio (*1971)

[01] Zikkus-F für Flöte und Live-Elektronik (2007) 12:27

[02] Zikkus-S für Bariton-Saxophon und Live-Elektronik (2013) 11:46

[03] Zikkus-V für Violoncello und Live-Elektronik (2007) 11:12

[04] Zikkus-P für Klavier und Live-Elektronik (2010) 09:17

[05] Zikkus-K für Klarinette und Live-Elektronik (2021) 13:17


Gesamtspielzeit: 58:12


Die Cronopien – Kollektiv für Interkulturelle Neue Musik

Karolin Schmitt-Weidmann, Flöte
Alvaro Collao, Saxophon
Ulysse Bonneau, Violoncello
Thomas Layes, Klavier
Marina Ochsenreither, Klarinette
Daniel Osorio, Elektronik
Antonio Carvallo, Elektronik

Ersteinspielungen



CD ZIKKUS



Daniel Osorio - Zikkus

Die Zikkus-Reihe beginnt 2007, während des Studiums des Komponisten an der Hochschule für Musik Saar, und spiegelt im Rückblick seinen künstlerischen Werdegang und sein politisches Fühlen und Denken. Das Kompositionsstudium als selbstgewähltes »Exil« stößt bei Daniel Osorio einen längeren Entwicklungsprozess an, in dem er unter anderem seine europäische Musikausbildung hinterfragt und Verbindungen zu seinen ersten musikalischen Erfahrungen sucht. In diesen spielte weder das Klavier noch ein anderes europäisches Instrument eine maßgebliche Rolle, vielmehr wuchs er mit den Klängen der andinen Instrumente Charango, Kena und Sikus (Panflöte) auf, die im Chile der Pinochet-Diktatur eine widerständige und klandestine Bedeutung hatten. In Verbindung gebracht mit der gestürzten sozialistischen Regierung Salvador Allendes, wurden die indigenen Instrumente verachtet und waren de facto verboten.

Die Erinnerungen an die Klangsprache der andinen Instrumente und an die Schrecken der Diktatur haben Daniel Osorio nicht losgelassen und kehren im Kompositionsprozess von Zikkus mit voller Kraft zurück. Es sind Fragmente einer politischen Klanggeschichte, die in den Arbeiten lebendig wird, basierend zum einen auf dem eigenen Musikspiel und zum anderen auf akustischen und musikethnologischen Forschungen des Komponisten rund um die Sikus-Flöte.

So entstehen fünf Stücke für Solo-Instrumente und Elektronik, welche sich mit den unterschiedlichen musikalischen und kulturellen Facetten der Sikus auseinandersetzen. Die kreative Gestaltung des Materials mit den Werkzeugen einer europäischen Kompositionstradition spiegelt sich auch in der leichten Verfremdung des Instrumentennamens: »Zikkus«. Alle Arbeiten werden schließlich in einem Werkzyklus zusammengefasst, um die in der Zeit verstreuten, bruchstückhaften Erinnerungen, Gedanken und Gefühle zu vereinen und ihnen durch den künstlerischen Schaffensprozess einen festen Platz im Gedächtnis des Komponisten zu geben.

Zikkus-V enthält Klangelemente der andinen Musikkulturen aus Bolivien, Peru und Chile und ist insbesondere von den Panflöten-Musikgruppen, den sogenannten »Sikuris«, inspiriert. Das Musikspiel der Sikuris erklingt zu bedeutenden rituellen Anlässen und Festen in den Andenregionen und geht einher mit festgelegten Bewegungen und Tänzen. Dabei verfügen rituelle Elemente wie die Wiederholung, die Dauer und der Stillstand über tiefere symbolische Bedeutungen, die sich auch im irdischen und spirituellen Weltbild der Andenbewohner wiederfinden.

Zikkus-V ist eines der ersten Stücke der Zikkus-Reihe und basiert zum einen auf einer Spektralanalyse ausgewählter Noten der Sikus-Flöte und zum anderen auf den rituellen Elementen des Musikspiels der Sikuris. Diese akustische und musikethnologische Recherche ermöglichte eine erste Annäherung an die andinen Musiktraditionen aus der Perspektive einer europäisch geprägten Kompositionspraxis.

Ausgangspunkt von Zikkus-F ist die Erzählung Reunión (Versammlung) des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar. Dieser beschreibt auf eindrucksvolle Weise die Atmung der Hauptfigur Ché Guevara, die durch sein Asthma erschwert ist. Der Klang dieser Atmung wird in Zikkus-F hörbar gemacht und ist wesentlicher Bestandteil des Stückes.

Die philosophische und spirituelle Bedeutung des Atems in der fernöstlichen Tradition findet sich auch in den Kulturen der andinen Hochebene, beim Spielen der Sikus-Flöte, wieder. Hier unterstreichen verschiedene Atemtechniken den rituellen Charakter des Musizierens: Denn beispielsweise durch ein Anhalten des Atems und ein darauffolgendes sehr langsames Auslassen der Luft, das die Klänge der Sikus verlängert, in Kombination mit sehr schnellen Atembewegungen aus dem Bauch, können die Flötenspieler einen Zustand der Bewusstseinserweiterung erlangen.

Der Atem als Archetyp der Gemeinschaft wird in Zikkus-F von der europäischen Querflöte repräsentiert. Ihr traditioneller Klang wird durch elektronische Verfahren »gedehnt« und »komprimiert« und schafft so neue akustische Texturen, die sich gänzlich von den ursprünglichen Klängen unterscheiden und doch aus ihnen entstanden sind.

Zikkus-P konfrontiert das Musikspiel der Sikuris-Musikgruppen mit zwei Symbolen der europäischen Musiktradition par excellence: dem Klavier – Sinnbild der europäischen Hochkultur und des individuellen Spiels, und der elektroakustischen Musik – Wahrzeichen der europäischen Avantgarde. Dabei wird diesen Elementen die soziale Bedeutung des kollektiven Musikspiels der Sikuris gegenübergestellt, welche die andine Klangästhetik grundlegend mitgestaltet.

Der Versuch des Stücks, die Symbolik des Klaviers und seine begrenzten klanglichen Möglichkeiten zu brechen, geschieht hier durch die Zerlegung seines Klangspektrums. Dies zum einen durch die Elektronik und zum anderen durch das Anschlagen seines Klangkörpers mit verschiedensten Alltagsobjekten. So werden neuartige Klangspektren erzeugt, welche die akustischen Elemente und klangästhetischen Werte der Anden-Musik durchscheinen lassen.

Zikkus-S basiert auf dem akustischen Aufbau der J’acha, einer Panflöte mit langen Rohren, die sehr tiefe Töne und ein breites Klangspektrum hervorbringt. Eben dieser Klangreichtum wird zum Ausgangspunkt für Form und Rhythmus des Stücks.

Den spanischen Kolonisatoren, die seit dem 15. Jahrhundert versuchten, den präkolumbinischen Völkern die Paradigmen europäischer Musik aufzuerlegen, ist es nicht gelungen, die kulturellen Ausdrucksformen in den Anden vollständig zu unterwerfen. Die Aymara beispielsweise leisteten mit ihrer kulturellen und musikalischen Tradition einen versteckten Widerstand, der dem kolonialen Klerus entging. So sind auch heute noch in der Musik der Aymara Klänge und Klangfarben wahrnehmbar, welche die westliche Tradition – nicht ohne eine gewisse Arroganz und Überheblichkeit – als klangliche »Derbheiten« und scheinbare Unstimmigkeiten beschreibt. So sucht etwa die Klangästhetik der Aymara bewusst die Schwebung zwischen zwei oder mehreren Noten, sei es in Unisono, in Oktaven, Quarten oder reinen Quinten – ein akustisches Phänomen, das die Instrumentenbauer seit jeher erreichen, indem sie die Instrumente jeder Musikgruppe mit leichten Verschiebungen stimmen. Und dies macht auch die Schönheit und Besonderheit der Instrumentenbaukunst der Aymara aus: Sie entwickeln geistreiche Ideen und Lösungsansätze, um mit einem Minimum an materiellen und klanglichen Ressourcen die traditionelle Polytonalität zu ermöglichen.

Polytonalität, Schwebungen und klangliche Verschiebungen werden in Zikkus-S mit minimalen Klangressourcen verarbeitet, durch die Elektronik neu interpretiert und gewinnen ihren durch die Kolonialisierung verlorenen ästhetischen Wert zurück.

Zikkus-K beschäftigt sich mit der musikalischen Praxis der Suri Siku, einer besonderen Art der Sikuris-Musikgruppen. Die gewöhnlichen Sikuris-Spieler führen ihre Musik in sich ergänzenden Paaren auf und verteilen die Melodie auf zwei Gruppen (ira / männlich und arka / weiblich) – ähnlich dem Hoquetus, einer mehrstimmigen europäisch-mittelalterlichen Satztechnik. Die Suri Siku hingegen verwenden eine komplette diatonische Tonleiter, wobei der kollektive und binäre Charakter im Spiel erhalten bleibt: Die Antwort einer Gruppe (arka) folgt derselben Note der vorhergehenden Gruppe (ira), sodass während des Spiels eine Art »Echo« erzeugt wird. Diese Symmetrie ist auch wichtiger Teil des sozialen und spirituellen Ordnungssystems der Aymara-Gesellschaft, in dem verschiedene Gegensatzpaare, wie oben–unten, Mann–Frau, Tal–Hochebene etc. eine strukturierende Rolle spielen.

Diese Gegensätze, Dualismen und Symmetrien werden im Schreibprozess von Zikkus-K aufgegriffen und tauchen in den rhythmischen Strukturen, in der Taktverteilung und in den verschiedenen Tonreihen auf. Durch seine zahlreichen Wiederholungen spiegelt das Stück auch eine der musikalischen Geste inhärente, fast mantrische Simplizität des rituellen Musikspiels.

Daniel Osorio / Alena van Wahnem



Éléments (2017)

Alena van Wahnem



Über das Kollektiv

Die Cronopien – Kollektiv für interkulturelle neue Musik ist eine 2020 gegründete Formation für aktuelle Musik, die sich mit Avantgarde und Tradition auseinandersetzt und Klanggeschichten sammelt aus dem Okzident und anderen Teilen der Welt. Die verschiedenen musikalischen Perspektiven gehen in der Arbeit des Kollektivs einen Dialog ein und versuchen in neuen künstlerischen Formaten, eurozentristische Musikkonzepte zu überwinden.


Daniel Osorio

Bild: Eliane Hobbing

Daniel Osorio, geb. in Santiago de Chile, Studium der Komposition und elektroakustischen Musik bei Prof. Pablo Aranda an der Universidad de Chile. Seine Abschlussarbeit „Iax-aus“ thematisiert das Aussterben der Yamana und ihrer Sprache und wird 2004 auf der CD Iax-Aus Káitek veröffentlicht. 2005 geht er nach Saarbrücken und absolviert mit Auszeichnung an der Hochschule für Musik Saar sein Aufbaustudium in Komposition bei Prof. Theo Brandmüller und Prof. Dr. Stefan Litwin. Stipendium für das Deutsche Studienzentrum in Venedig, Förderstipendium der LHS Saarbrücken und Kulturpreis für Musik des Regionalverbandes Saarbrücken. Daniel Osorio ist Gründer und Leiter des Festival eviMus und von Die Cronopien – Kollektiv für Interkulturelle Neue Musik.



Karolin Schmitt-Weidmann


Karolin Schmitt-Weidmann, geb. 1982, ist Musikwissenschaftlerin, Musikpädagogin, Flötistin und Konzertpianistin. Sie promovierte an der Universität Kassel zu dem Thema „Der Körper als Vermittler zwischen Musik und (all)täglicher Lebenswelt – Distanzauslotungen am Beispiel ausgewählter Werke der Neuen Musik“. Derzeit ist sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Musik Detmold im Bereich Studiengangsentwicklung und als ehrenamtliches Vorstandsmitglied am Institut für Neue Musik und Musikerziehung Darmstadt tätig. Künstlerisch, pädagogisch als auch wissenschaftlich engagiert sie sich vor allem für interaktive Gesprächskonzert-Formate, für interdisziplinären Austausch sowie für kreative Projekte mit Kindern und Jugendlichen.


Alvaro Collao

Bild: Julia Wesely

Alvaro Collao, geb. 1985 in Iquique (Chile), schließt sein Musikstudium mit besten Noten im Fach Saxophon an der Universidad de Chile ab. Am Konservatorium Jacques Thibaud in Bordeaux absolviert er erfolgreich das Masterstudium Zeitgenössische Musik bei Prof. Marie Bernadette Charrier. Studium in Wien bei Prof. Lars Mlekusch (Saxophon), Andrew Middleton (Jazz Komposition und Arrangement).

Preisträger des Wettbewerbs für Zeitgenössische Musik 2009 in Chile, des Internationalen Wettbewerbs in Osaka, u. a. Er ist Solist auf verschiedenen internationalen Festivals und wirkt in mehreren Orchestern und Ensembles mit: Klangforum Wien, ORF Vienna Radio Symphony Orchestra, PHACE Ensemble, u. a.

Alvaro Collao ist Selmer und D’Addario Artist und künstlerischer Leiter des Chilesaxfest und des Tarapaca-Musikfestes.


Marina Ochsenreither

Bild: Lucas Nuxol

Marina Ochsenreither studierte an der Hochschule für Musik Saar Klarinette bei Jörg Lieser und Johannes Gmeinder sowie an der Musikhochschule Mannheim bei Prof. Rainer Müller-van Recum. Private Studien führen sie zu Prof. Anton Hollich.
Neben zahlreichen Aushilfen bei der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern und dem Saarländischen Staatstheater, führte Marina Ochsenreither ein Engagement ans Pfalztheater Kaiserslautern sowie zu den Düsseldorfer Symphonikern als stellvertretende Soloklarinette.

Kammermusikalisch ist sie in verschiedenen Ensembles aktiv, Konzertreisen führten sie unter anderem nach Japan. Neben ihren künstlerischen Aktivitäten ist ihr die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein großes Anliegen.


Ulysse Bonneau

Bild: Fabien Guiot

Ulysse Bonneau, Cellist, Pianist und Komponist (geboren 2001), studierte Musik in den Klassen von Frantz Wiener, David Louwerse und Diana Ligeti. Gleichzeitig absolvierte er ein Studium der Musikwissenschaft an der Sorbonne. Zusätzlich zu seinem musikwissenschaftlichen Diplom war er Preisträger beim Concours Général im Fachbereich Musik. Er hat zahlreiche Konzerte organisiert, u.a. in der Cinémathèque Française, wo er seine eigenen Filmmusikarrangements aufführte. Außerdem trat er in der Rolle des Jakob (Offenbach im Alter von 15 Jahren) im Dokumentarfilm L’Odyssée Offenbach auf, der im Dezember 2019 auf ARTE ausgestrahlt wurde. Er komponierte auch die Musik für die Internet-Serie Asteral sowie für die Kurz lme Act(s) und Nemesis.


Thomas Layes

Bild: Bernhard Wittmann

Thomas Layes, geboren in Frankfurt am Main, studierte Klavier bei Bernd Glemser an der Hochschule für Musik Saar; Meister- kurse Liedbegleitung bei Roger Vigno- les und Irwin Gage sowie Kammermusik bei Eduard Brunner und Diemut Poppen. Er hat einen Lehrauftrag Korrepetition an der Hochschule für Musik Saar. Zu seinen Preisen und Auszeichnungen zählen der Kulturförderpreis Saarbrücken, der 1. Preis beim Internationalen Kammermusikwettbe- werb »Città di Minerbio« in Bologna sowie ein Sonderpreis für die beste Begleitung beim Walter-Gieseking-Wettbewerb 2011. Thomas Layes tritt als Liedbegleiter beim ARD Radiofestival »Mouvement« des SR sowie beim Lied-Meisterkurs von Wolfgang Rihm »Chesa da Cultura« in St. Moritz auf und ist Korrepetitor u. a. bei der Internationalen Sommer- akademie Mozarteum Salzburg.


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